Der Kyure-Nationalpark – einer der hundert wichtigsten Waldgebiete Europas
Im Westen der türkischen Schwarzmeerküste, zwischen den Flüssen Bartın und Kızılırmak, erstrecken sich über eine Länge von 300 Kilometern die Küre-Berge – die feuchtesten und waldreichsten im westlichen Schwarzmeerraum. Im Jahr 2000 wurde der schönste Teil davon als Nationalpark Küre-Gebirge (Küre Dağları Millî Parkı) unter Schutz gestellt. Die Fläche des Parks beträgt etwa 80.000 Hektar, das Kerngebiet umfasst 37.753 Hektar; die durchschnittliche Höhe liegt bei 500 Metern. Der Küre-Gebirge-Nationalpark wurde vom WWF als einer der 100 Wald-Hotspots Europas anerkannt, die dringend geschützt werden müssen, sowie als einziges der acht kritischen Naturgebiete der Türkei, das in die europäische Liste der 20 am stärksten gefährdeten Naturgebiete aufgenommen wurde. Hier leben Bären und Luchse, es blühen 157 endemische Arten, und die Schluchten reichen Hunderte von Metern in die Tiefe.
Geschichte und Entstehung des Nationalparks Küre
Das Interesse der internationalen Naturschutzgemeinschaft an den Kyure-Bergen zeigte sich bereits 1988, als der WWF dieses Gebiet in die Liste der vorrangig zu schützenden Gebiete aufnahm. Zu diesem Zeitpunkt begann auch die Ausarbeitung eines Schutzkonzepts für das Gebiet. In den 1990er Jahren fügten die Aktivitäten von Bergbau- und Steinbruchunternehmen sowie die Rodung von Wäldern für landwirtschaftliche Nutzflächen der Region schweren Schaden zu – gerade die Gefahr der Zerstörung führte zu einer Intensivierung der Naturschutzbemühungen.
In den Jahren 1998–2000 führte das türkische Forstministerium mit Unterstützung des UNDP und der FAO ein Projekt zur Verwaltung von Nationalparks und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt durch. Das Ergebnis war die offizielle Gründung des Küre Dağları Millî Parkı am 7. Juli 2000. Der Park umfasst die Gebiete Pınarbaşı, Cide, Şenpazar, Azdavay, Kurucaşile, Ulus und Amasra in den Provinzen Kastamonu und Bartın. Im selben Jahr wurde das Konzept einer Pufferzone um Schutzgebiete offiziell in die türkische Agenda aufgenommen.
Im Jahr 2001 wurde in Pınarbaşı ein Ökotourismuszentrum eröffnet – hier wurden 20 lokale Naturführer ausgebildet. Im Jahr 2002 wurden Ökotourismus-Karten herausgegeben, und von 2001 bis 2006 wurden in den lokalen Gemeinden Kampagnen zur nachhaltigen Waldnutzung durchgeführt. Der Ökotourismus schuf neue Arbeitsplätze – insbesondere für Frauen, Förster und arbeitslose Jugendliche. Im April 2012 erhielt der Park das PAN-Parks-Zertifikat – das Netzwerk der Schutzgebiete Europas.
Naturgebiete und Sehenswürdigkeiten
Das Schlüsselwort zum Verständnis der Kyure-Berge lautet „Feuchtigkeit“. Der westliche Teil der Schwarzmeerberge verzeichnet eine der höchsten jährlichen Niederschlagsmengen in der Türkei; in Verbindung mit dem Kalksteinrelief hat dies ein Ökosystem aus Schluchten, Höhlen und Reliktwäldern geschaffen.
Canyons: Horma, Valla, Çatak, Aydos
Die vier Hauptschluchten des Parks – Horma, Valla, Çatak und Aydos – bilden ein einzigartiges Ökosystem. Die Valla-Schlucht zeichnet sich durch über 1.000 Meter hohe Wände und starke Sturmwinde aus, was sie zu einem der am schwersten zugänglichen Orte macht. Die Schluchten durchschneiden die Karstlandschaft und bilden enge Korridore mit senkrechten Kalksteinwänden, an deren Fuß ein Gebirgsbach fließt. Canyoning erfordert hier eine spezielle Ausrüstung und einen erfahrenen Führer.
Die Ilgarini-Höhle
Ilgarini Mağarası ist eine der tiefsten Höhlen der Türkei. Der Eingang ist riesig, die Gesamtlänge beträgt 850 Meter, die Tiefe 250 Meter. Die letzten zwei Stunden des Anmarschwegs zur Höhle führen durch einen steilen, feuchten, unberührten Wald. Ein Besuch ist nur mit einem ortskundigen Führer möglich. Am Eingang sind die Ruinen einer kleinen Siedlung (etwa 10 Häuser), die vermutlich aus der byzantinischen Zeit stammt, sowie Wassertanks erhalten geblieben.
Wälder: fünf Höhenzonen
Die Schwarzmeerwälder von Kyure lassen sich in fünf Höhenzonen unterteilen. Am Ufer wachsen Olivenbäume, Erdbeerbäume, Kastanien, wilde Erdbeeren und Krimkiefern. Weiter oben befinden sich Mischwälder, in denen Tannen, Buchen und Ahornbäume vorherrschen. Je höher man kommt, desto häufiger trifft man auf unberührte, alte Bestände – genau diese werden als „old-growth forest formations“ bezeichnet. Für russischsprachige Reisende: Eine ähnliche mehrschichtige Waldstruktur ist aus dem Kaukasus bekannt, doch die Flora von Kyure ist eigenständig und reich an Endemiten.
Fauna und Ökotourismus
Im Park leben 48 der 160 Säugetierarten der Türkei: Braunbär, Reh, Wildschwein, Otter, Wolf (Spuren wurden kürzlich wieder festgestellt) und Luchs. Im Jahr 1999 wurden hier Rotwild wiederangesiedelt – eine Art, die in Anatolien in den 1950er Jahren vollständig verschwunden war. Mögliche Aktivsportarten: Wildtierbeobachtung, Wanderrouten (Trekking und Hiking), Reiten, Mountainbiking, Höhlenforschung, Canyoning, Klettern.
Interessante Fakten und Legenden
- Das Kyure-Gebirge ist das einzige der acht kritischen Naturgebiete der Türkei, das in die europäische Liste der 20 am stärksten bedrohten Naturgebiete aufgenommen wurde, die in den 1990er Jahren erstellt wurde.
- Im Jahr 1999 wurden Rotwild aus Bolu in den Park gebracht – eine Art, die in Anatolien in den 1950er Jahren in freier Wildbahn ausgestorben war; heute erholt sich der Bestand wieder.
- In den Kyure-Bergen wurden 157 endemische Pflanzenarten registriert, von denen 59 auf der Roten Liste stehen; eine neue Art – Abant Kazgagası – wurde kürzlich identifiziert und erhöhte die Gesamtzahl der Endemiten auf 158.
- Die 250 Meter tiefe Ylgari-Höhle ist eine der tiefsten in der Türkei; an ihrem Eingang sind Ruinen einer Siedlung aus byzantinischer Zeit erhalten geblieben, die von Schatzsuchern beschädigt wurden.
- Der Park erhielt 2012 das PAN-Parks-Zertifikat – als erster in der Türkei –, was die Einhaltung internationaler Standards für das Management von Schutzgebieten bestätigt.
Anreise
Der Nationalpark Küre-Gebirge umfasst mehrere Gebiete der Provinzen Kastamonu und Bartın. Die nächstgelegenen größeren Flughäfen sind Kastamonu (KFS) und Zonguldak (ONQ); von Istanbul aus sind beide in etwa 1–1,5 Flugstunden zu erreichen. Von Istanbul aus dauert die Busfahrt nach Kastamonu etwa 4 Stunden, nach Bartın etwa 4,5 Stunden. Der Zugang zum Park ist über mehrere Eingänge möglich; am bequemsten ist die Anfahrt über Pınarbaşı (Ökotourismuszentrum) oder über Amasra.
Amasra – eine malerische Stadt am Schwarzen Meer mit Hafen, historischer Festung und mehreren Hotels – ist der ideale Ausgangspunkt für Tagesausflüge in den Park. Von Kastamonu bis zum Parkeingang in der Gegend von Pınarbaşı sind es etwa 50 km. Für die meisten Routen (insbesondere Canyoning und Yılgarini) ist ein Führer erforderlich: Buchen Sie diesen im Voraus über das Pınarbaşı Ecotourism Center oder bei lokalen Reisebüros in Kastamonu.
Tipps für Reisende
Die beste Zeit für den Park ist Mai bis Oktober. Im Mai blühen die Bergwiesen und die Flüsse führen reichlich Wasser, von Juni bis August herrscht angenehmes Wetter zum Wandern; im Herbst (September–Oktober) färben sich die Wälder gold- und rotbraun – eines der schönsten Schauspiele der Schwarzmeerregion. Im Winter sind einige Straßen wegen des Schnees unpassierbar.
Für Wanderungen sind Trekkingschuhe mit Profilsohle erforderlich: Im Wald und an den Schluchten ist es oft feucht. Für Canyoning und Höhlenforschung ist spezielle Ausrüstung nötig, die man in Pınarbaşı oder über die Guides ausleihen kann. Der Mobilfunkempfang in den Tälern ist unzuverlässig – Offline-Karten sind unerlässlich. Von Kastamonu aus gibt es keine regelmäßigen öffentlichen Verkehrsmittel in den Park – man benötigt ein Auto oder eine organisierte Tour. In den Dörfern rund um den Park werden Touristen in Familienpensionen (Pansiyon) aufgenommen – ein für den türkischen Ökotourismus traditionelles Format mit hausgemachter Küche und Ortskenntnis.
Der Park lässt sich gut mit einem Besuch in Amasra (UNESCO, historische Festung und Strände) und İnebolu (antikes Abonotich) verbinden. Der Kyure-Nationalpark – für alle, die in der Türkei nicht nach Strand und Ruinen suchen, sondern nach echtem Urwald, wo der Braunbär Spuren im Schlamm hinterlässt und sich der Canyon wie ein plötzlicher Abgrund hinter einer Wegbiegung auftut.